Minderheitenpolitik als Teil der Erinnerungskultur

KompagnietorAm Donnerstag, den 27. September hält der sorbische Minderheitenforscher Dr. Peter Kroh einen Gastvortrag am ECMI. Ab 17 Uhr wird er im historischen Sitzungssaal des Kompagnietors zum Thema „Minderheitenpolitik als Teil der Erinnerungskultur“ referieren.

Erinnerungskultur zielt auf ein aktives, dynamisches gesellschaftliches Gedächtnis, das bedeutsame historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse im öffentlichen Bewusstsein der Gegenwart hält. Dabei prägen kollektive Wahrnehmungen subjektive Erkenntnisse, Begriffe und Empfindungen. Im Mittelpunkt stehen nicht Archivierung und wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern öffentliche Dokumentation, Diskussion und mediale Darstellung sowie Gedenkstätten, Gedenktage und Denkmale. „Aus der Geschichte lernen“ – das bedeutet für uns in Deutschland vor allem, junge Menschen demokratiefähig, also sensibel für offene und versteckte Bedrohungspotenziale in der Gegenwart zu machen.

Die Minderheitenpolitik im Deutschland der letzten 200 Jahre ist dazu außerordentlich geeignet, zeigt sich doch am Umgang mit (ethnischen) Minderheiten die politische Kultur einer Gesellschaft wie in einem Brennspiegel. Zugleich ist die Minderheitenpolitik kaum wirksamer Bestandteil der öffentlichen Erinnerungskultur. Minderheitenpolitik tritt prinzipiell als Unterdrückung, Duldung oder Förderung in Erscheinung und ist wie alle Politik von Macht- und Interessenstrukturen geprägt. Konkrete Ereignisse aus dem Alltag der dänischen, friesischen und sorbischen Minderheit in der Weimarer Republik und dem 3. Reich sind ein Beleg dafür und sollten gerade deshalb stärker Eingang in die deutsche Erinnerungskultur finden.

Peter Kroh (*1944 im schlesischen Namslau) besuchte die Sorbische Grundschule in Bautzen, begann 1958 eine Lehre als Flugzeugbauer in Dresden-Klotzsche, arbeitete später im Edelstahl-werk Freital als Schlosser im 3-Schicht-Betrieb und begann mit 24 Jahren ein Lehrerstudium in Leipzig.1980 promovierte er über ethische Probleme der sozialistischen Arbeitsdisziplin, beteiligte sich aktiv am marxistisch-christlichen Dialog und habilitierte 1985 mit einer Arbeit über die Wirkungsbedingungen des protestantischen Arbeitsethos in der DDR. Im Zuge des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland wurden 1991 sein Arbeitsbereich an der Pädagogischen Hochschule Neubrandenburg und er als Hochschullehrer abgewickelt. 2009 veröffentlichte er die erste Biographie über den sorbischen Journalisten und Minderheitenpolitiker Jan Skala und 2015 sein Sachbuch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa.“ Mit Vorträgen und Artikeln zur Minderheitenpolitik in Deutschland, speziell zur „sorbischen Frage“ sucht er das Interesse für Leben, Kultur und Geschichte ethnischer Minderheiten in Deutschland zu stärken und so der Erinnerungskultur einen bisher nur wenig bedachten Aspekt hinzuzufügen.

Sitzungssaal des Kompagnietors

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